Dusche to go und andere Katastrophen 

Ahoi Ihr Lieben! Ist dieses Novemberwetter nicht gruselig? Alles grau in grau, gefühlt regnet es ununterbrochen. Da passt es doch gut, dass ich noch ein paar Segelgeschichten aus dem Sommer auf Lager habe, oder? Also, macht es Euch einfach auf dem Sofa gemütlich, schenkt Euch ein Käffchen oder ein Glas Rotwein ein und kommt noch mal mit uns an Bord. Throwback in den Sommer 2017 – beam us up, Scotty! ☀️⛵️

Wo waren wir eigentlich stehengeblieben? Wenn Ihr Euch jetzt nicht mehr erinnern könnt, ist das gar kein Beinbruch, denn ehrlich gesagt muss ich mich auch ganz schön konzentrieren, weil unser Sommertörn schon wieder so lange zurückliegt. Richtig, unser elbkind lag in Wismar, und wer sich daran noch erinnern konnte, bekommt hundert Punkte und gewinnt ein Federballspiel! Wismar ist wirklich eine wunderschöne und geschichtsträchtige Stadt, und es gibt unglaublich viel zu besichtigen und zu erkunden. Wir hatten trotzdem keine Lust, tagelang bei Sturm und strömendem Regen durch die Straßen zu latschen und die Zeit totzuschlagen. Außerdem wird Lesen auf die Dauer auch langweilig und zum Spielen kann ich meinen Skipper trotz vieler verzweifelter Überredungsversuche ja leider nicht motivieren. Was tun? Kurzentschlossen haben wir uns in den Zug nach Hamburg gesetzt und das nervige Tiefdruckgebiet auf dem Sofa abgewettert. Drei Tage später um die Mittagszeit saßen wir schon wieder im Zug von Hamburg nach Wismar, das ungemütliche Wetter hatte sich zum Glück etwas beruhigt und es ging zurück an Bord.

Die halbe Stunde Umsteigezeit in Schwerin haben wir genutzt, um im Bahnhofscafé ein Käffchen zu trinken und noch schnell ein paar belegte Brötchen als Törnproviant zu besorgen. Bloß keine Zeit verlieren hieß das Motto, denn unser Entschluss stand fest: das kurze Wetterfenster der kommenden zwei Tage wollten wir unbedingt nutzen, um über Fehmarn zurück nach Dyvig zu kommen. Koste es, was es wolle, die Wetterprognose sah nämlich schon wieder zappenduster aus – das nächste Tiefdruckgebiet war im Anmarsch. Sommer eben… 😉

Kaum waren wir am Bahnhof angekommen, ging es auch schon im Stechschritt zurück zum Hafen, wo uns unser elbkind wohlbehalten erwartete. Thue war sichtlich erleichtert, er hatte sein Schiff wirklich nur sehr schweren Herzens zurückgelassen und konnte sich zuletzt nur losreißen, weil direkt gegenüber unseres Liegeplatzes am Brunowkai ein Polizeirevier lag.

Ruckzuck waren die Taschen wieder ausgepackt, die Segelklamotten über die Knochen gerissen, und schon eine halbe Stunde nach Ankunft im Hafen ließen wir Wismar im Kielwasser zurück. Für unsere Verhältnisse war es zwar viel zu windig und normalerweise wären wir bei so einer Wetterlage auch niemals ausgelaufen, aber nun hieß es: Augen zu und durch!

Tagelang hatte es kräftig geweht, wir waren schließlich nicht ohne Grund nachhause geflüchtet. Weil wir damit rechneten, dass uns auf der Strecke eine alte Welle das Leben schwer machen würde, wollte mein Skipper den Dieseltank vorsichtshalber auffüllen. Man weiß ja nie, was einen unterwegs so alles erwartet, und mit einem halbvollen Tank durch die Wellen zu schwabbeln war nicht gerade unsere Wunschvorstellung. Wir machten längsseits an der Bunkerstation am Ostufer des Ölhafens fest und forderten über einen Pager den Tankwart an. Nur ein paar Minuten später kam ein netter junger Mann auf einem Bagger angerauscht und kümmerte sich um uns. Hau rein, mach voll den Tank, und den Reservekanister auch gleich mit, wenn wir schon mal hier sind. Schnell war alles erledigt und die Bordfrau konnte die EC-Karte zücken. Sogar eine richtige Rechnung bekam ich noch in die Hand gedrückt, wie vornehm! Nach wenigen Minuten hieß es wieder Leinen los, und weiter ging die Motorfahrt durch die Wismarer Bucht.

Der Wind wehte viel nördlicher als vorhergesagt. Als wir uns beinahe schon damit abgefunden hatten, dass die Segel unten bleiben und wir die ganze Strecke motoren müssen, drehte wider Erwarten der Wind zu unseren Gunsten, so dass wir das Groß setzen konnten. Vorsichtshalber hatte Thue im Hafen noch ein Reff eingebunden. Inzwischen hatte der Wind bis zu 13 m/s aufgefrischt. Nachdem wir das Segel noch einmal richtig getrimmt und auch die Fock ausgerollt worden hatten, rauschte unser elbkind durch die Wellen und wir machten zwischen 6 und 7 kn Fahrt über Grund. Na siehste, geht doch!

Etwas später lugte die Sonne endlich hinter den dunklen Wolken hervor und der Wind hatte sich zwischen 9 und 11 m/s eingependelt. Immer häufiger kamen nun Wellen übers Vorderdeck, die zwischendurch sogar das Cockpit erreichten. Und so kam, was kommen musste: Thue, der nur in Jeans und Windbreaker am Steuerstand stand, bekam ganz unvermittelt eine kräftige Seewasserdusche verpasst. Tropfnass und fluchend musste er einsehen, dass Ölzeug und Südwester eindeutig das passendere Outfit waren. Kurze Zeit später stand er dann in voller Montur wieder am Ruder, während ich mich lieber unter die Sprayhood verkrümelte…

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Thue in voller Montur. Aus Schaden wird man klug!

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Dann wurde das Wetter rauer und der Wind drehte bis zu 16 m/s auf, der hatte wohl wieder mal die Wettervorhersage verpasst. Immer wieder kamen kräftige Brecher übers Deck. Auf diese Wetterkapriolen waren wir überhaupt nicht vorbereitet und hatten die Steckschotts zum Niedergang natürlich wie immer in der Backskiste gelassen. Und darum war das nächste Malheur auch schon vorprogrammiert: mit einem weiteren Brecher, der übers Vorderdeck kam, zischte das Ostseewasser durch die Aussparung für die Fallen und lief in Strömen den Niedergang weiter runter in den Salon. So standen binnen kürzester Zeit beachtliche Salzwasserseen unter dem Kartentisch und auf der Arbeitsplatte der Kombüse. Verflucht! Dieser Törn entwickelte sich zu einer echten Herausforderung für uns Schönwettersegler…😬

Nach rund fünf Stunden auf dem Wasser näherten wir uns allmählich unserem Zielhafen Burgtiefe auf Fehmarn. Als wir das Landlee der Insel erreicht hatten, holten wir die Segel ein. Durch die relativ enge, gut betonte Fahrrinne steuerten wir den geschützten Hafen an und haben trotz der späten Stunde (mittlerweile war es 20:30 Uhr) noch einen Liegeplatz im Innenhafen ergattert. Freundliche Stegnachbarn nahmen unsere Vorleinen an und wir waren erleichtert, als wir endlich am Steg fest waren. Geschafft! Die erste Etappe unseres Törns hatten wir gemeistert. Darauf mussten natürlich erstmal ein paar Bierchen in der Hafenkneipe gezischt und nebenbei die beeindruckenden Salzkrusten auf Thues Händen bestaunt werden. Kurz vorm Schlafengehen knurrte dann plötzlich mein Magen, da fiel mir auch endlich das belegte Brötchen wieder ein, das noch immer auf mich wartete. Ein kühles Landungsbier hatte nach diesem abwechslungsreichen Törn einfach Priorität! 🍺

Der nächste Morgen weckte uns mit Sonnenschein und Flaute, und die letzte Etappe unseres Sommertörns stand an. Eins war sicher: wenn wir nicht segeln können, motoren wir! Weil wir keine Zeit verlieren wollten, gab es das Frühstück unterwegs, und schnell kam die Fehmarn-Sund-Brücke in Sicht. Das war mal eine ganz neue Perspektive, denn bisher hatten wir die Brücke auf dem Weg zur Fähre Puttgarden-Rødby immer nur mit dem Auto überquert.

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Wir nähern uns der Fehmarn-Sund-Brücke

Segelfreunde, die sich in diesem Revier gut auskennen, hatten uns vorsorglich auf die Schießgebiete auf der Route aufmerksam gemacht, die wir nun umfahren mussten. Der Motor brummte, und noch immer herrschte Flaute. Ganz schön langweilig… Nach wie vor stand eine kräftige Welle vom Vortag, die wieder übers Vorschiff zischte und uns im Laufe des Vormittags noch zum Verhängnis werden sollte, denn leider hatte ich vor dem Ablegen nicht daran gedacht, die Luke im Vorschiff von „Lüftung“ auf „pottendicht“ zu verschließen. Ein fataler Fehler. Als ich den Niedergang herunterkletterte, traute ich meinen Augen nicht: unter Deck war alles nass, besonders die Vorderkabine hatte es erwischt. Bettzeug, Auflagen, Polster, Matratzen… alles klitschnass! Das Wasser hatte sich seinen Weg durch den Lüftungsschlitz der Luke gesucht und dabei ganze Arbeit geleistet. Stinksauer, fluchend und den Tränen nahe schleppte ich die gesamte Schlafausrüstung an Deck. Zum Glück schien ja die Sonne, so dass alles an der frischen Luft getrocknet werden konnte – wenigstens notdürftig. Einige Tage später haben wir unserem Bootsbauer diese kleine Anekdote erzählt. Der meinte ganz trocken, nasses Bettzeug sei doch gar kein Problem – man müsse eben nur das eigene Outfit anpassen und in Ölzeug statt im Pyjama schlafen gehen. Dänischer Humor! 😂

Das Schiff sah jedenfalls wie ein schwimmender Waschsalon aus, aber seht selbst:

Ursprünglich hatten wir vor, noch eine Nacht in Sønderborg zu verbringen, bevor es zurück nach Dyvig ging. Als wir dann gegen Abend die Sønderborg Marina an Steuerbord hatten, waren wir uns aber schnell einig, dass wir uns auch noch die letzten zwei Stunden ans Bein binden und bis nach Dyvig durchfahren – es zog uns einfach zurück in unseren Lieblings-Heimathafen. Pünktlich um 18.00 Uhr öffnete sich die Klappbrücke nur für uns, und das elbkind war das einzige Schiff, das in den Alssund einlief. Insgesamt sind wir an diesem Tag zwölf Stunden unter Motor unterwegs gewesen, und das ist natürlich echte Königsdisziplin für Segler…😧

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Unsere Route von Burgtiefe nach Dyvig

Wie schon in den Jahren zuvor waren die 12-m-Klassiker zum Tune Up Race wieder in Dyvig zu Gast, und das lässt sich der Prinz Hendrik natürlich nicht entgehen – er war mit der „Dannebrog“ angereist. Auch für uns gab’s viel zu gucken. Ein schöner Empfang nach fast sieben Wochen an Bord!

Dannebrog
Die „Dannebrog“ in der Einfahrt zur Stegsvig
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Ein echter Augenschmaus: die 12-m-Klassiker

Mit diesem schönen Bildern aus dem Sommer wünschen wir Euch eine schöne und gemütliche Adventszeit 🎄🎅🏼. Der Dezember steht vor der Tür, und damit die Sonnenwende – das heißt, dass wir bald schon wieder rückwärts zählen können und die nächste Segelsaison naht! 🤗 Bis bald, Martina & Thue

Wismar und die Flucht aufs Sofa

Ahoi Ihr Lieben, da sind wir wieder – Willkommen zurück an Bord auf unserem Törn von Kühlungsborn nach Wismar. Wo ist bloß die Zeit geblieben? Das alles liegt nun schon wieder einige Wochen zurück, aber unser Segeltagebuch soll natürlich noch vervollständigt werden.

Erst am späten Nachmittag hatten wir den Bootshafen Kühlungsborn im Kielwasser zurückgelassen. Nun hatten wir den Wind direkt von vorne, und das bedeutete, dass die „Unterwasser-Genua“ aktiviert werden musste. Der Volvo schnurrte vor sich hin und ein fieser Ostseehack machte uns das Leben schwer, denn der frische Wind aus den Tagen zuvor hatte dafür gesorgt, dass sich eine Welle von ca. anderthalb Metern aufgebaut hatte. Tapfer kämpfte unser elbkind gegenan, während Thue die Geschwindigkeit immer wieder der Welle anpasste, damit wir nicht zu sehr durchgeschaukelt wurden. Trotz seiner Bemühungen befiel mich schnell eine bleierne Müdigkeit – meistens ein Anzeichen für beginnende Seekrankheit. Aber die Fische zu füttern kam überhaupt nicht in Frage! Mit starrem Blick auf die Küste rettete ich mich irgendwie über die Runden und ich hoffte inständig, dass diese blöde Geigerei möglichst schnell vorübergeht. Wer noch nie seekrank war, bekommt im nachfolgenden Filmchen ein paar aufschlussreiche Infos zum Thema. Schlecht ist es natürlich, wenn man keinen Apfelkuchen an Bord hat. 😂


Allmählich erreichten wir die Wismarbucht und tuckerten durch das gut betonnte Fahrwasser. Die Insel Poel mit dem Hafen Timmendorf ließen wir an backbord liegen, dann folgte an steuerbord der Yachthafen Wendorf. Inzwischen hatte sich der Wind fast vollständig gelegt, am Abendhimmel tauchte sogar ein Heißluftballon auf. Was für ein toller Anblick! Kurz vor der Hafeneinfahrt begrüßte uns ein freundlich dreinblickender Schwedenkopf auf einem Duckdalben.

Langsam näherten wir uns Wismar. Unterwegs hatten wir den Hafenführer intensiv studiert, waren uns aber trotzdem nicht sicher, welcher Hafen denn nun eigentlich der richtige für uns ist. Nun wurden alle Häfen einfach der Reihe nach abgeklappert. Zuerst steuerten wir den Westhafen an, aber es war leider schon zu spät – alle Boxen waren voll belegt und außerdem schwamm jede Menge Seegras im Wasser, das mein Skipper nicht im Propeller haben wollte. Nix wie weg, weiter ging es in den Alten Hafen gleich nebenan. Hier waren fast alle Plätze für die Berufsschifffahrt reserviert, wir hätten nur längsseits festmachen können und außerdem wirkte der Hafen sehr unruhig. Am Ende blieb uns nur noch eine Möglichkeit – es ging am Torfterminal vorbei zum „Wasser-Wanderrastplatz“ am Brunowkai. Genau eine Box gab es noch, in die unser elbkind passte, die freundliche Besatzung eines Charterboots nahm unsere Leinen an. Neben uns am Steg eine Nordborg 30 aus Lübeck, deren Crew sich erstmal nicht blicken ließ. Auf der gegenüberliegenden Seite des Hafens war ein Kran damit beschäftigt, unter lautem Getöse ein Frachtschiff mit Holz zu beladen. Ach Du Schreck… – hoffentlich machen die nachts Pause… 😳 Machten sie – zum Glück!

Hafenrundfahrt
Kleine Hafenrundfahrt in Wismar
Holzhafen Wismar
Im Holzhafen war beinahe durchgehend geöffnet…
Als wir an einem der Fingerstege festgemacht hatten, brachte Thue wegen des angekündigten Windes noch schnell ein paar Springleinen an. Sicher ist sicher. Dann aber flott raus aus den Segelklamotten und ein bisschen frischgemacht, rüber zum Servicegebäude und das Hafengeld in einen Briefumschlag und den in einen Briefkasten gesteckt. Anschließend ging es zu Fuß in die Stadt. Der Wind hatte Pause, es war trocken mit angenehmen Temperaturen und wir konnten draußen sitzen. Ich weiß ja nicht, wie es den Seglern geht, die Ihr hier gerade mitlesen, aber nach mehreren Wochen an Bord und frischer Luft um die Nase können wir es in geschlossenen Räumen kaum aushalten, eigentlich gar nicht. Das fällt uns immer dann auf, wenn wir unterwegs mal essen gehen und besonders natürlich, wenn die Segelsaison vorbei ist. Noch wochenlang reißen wir zuhause sämtliche Fenster und Türen auf,  bis wir uns endlich wieder an das Leben in einem Haus gewöhnt haben. 😄 Frische Luft ist im Sommer einfach unser Lebenselixier.

Unser Ziel war das Brauhaus am Lohberg, das in einem historischen Gebäude direkt gegenüber des Alten Hafens liegt. Hier sind wir eingekehrt, haben eine Kleinigkeit gegessen und die Bierkarte rauf und runter probiert. Das Rennen hat am Ende das Wismarer Pilsener vor dem Roten Erik  gemacht, insgesamt waren wir uns aber einig, dass dem Gerstensaft ein wenig „Prickel“ fehlte. Beim Flammkuchen war geschmacklich noch Luft nach oben, aber wenigstens war er warm und machte satt, das war an diesem Abend die Hauptsache.

Am nächsten Tag haben wir Wismar dann zu Fuß erkundet. Vom Hafen aus ging es durch das alte Stadttor in Richtung Innenstadt und wir haben uns von den kurzen Regenschauern, die zwischendurch immer wieder runterkamen, nicht den Spaß verderben lassen. War das schön! Wismars Altstadt gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe, und eigentlich ist die Bezeichnung schön völlig untertrieben. Die gut erhaltenen historischen Gemäuer, schönen Giebelhäuser und farbenfrohe Fassaden der Stadt haben uns sofort begeistert. Ich musste natürlich die Nikolaikirche besichtigen, während mein Skipper durch die Straßen streifte. Besonders sehenswert fanden wir den genau 100 x 100 m großen Marktplatz mit dem Wahrzeichen der Stadt, der Wismarer Wasserkunst. Sie stammt aus dem 16. Jahrhundert und hat seinerzeit die Bürger der Hansestadt mit Trinkwasser versorgt.

In der Altstadt sind wir auf dieses Straßenschild gestoßen. Da reibt man sich schon mal die Augen. Was hat denn das zu bedeuten?? Ein Schelm, der dabei schlüpfrige Gedanken hat. Natürlich habe ich mich sofort schlaugemacht und bin im Netz fündig geworden. Man lernt ja immer was dazu…

Tittentasterstraße
Tittentasterstraße
Wahrscheinlich ist, dass der Name durch das Abtasten von Brüsten in eben jener Straße entstand. Durch das Abtasten überprüfte man früher die Stillfähigkeit von Ammen, welche sich bei der Aussicht auf eine Einstellung in der Gasse aufstellten und ihre Dienste anboten. Viele wohlhabende Familien haben früher nicht nur die Kindererziehung, sondern auch die Milchversorgung einer Amme anvertraut.

Abends saßen wir dann bei strömendem Regen beim Italiener am Marktplatz. Natürlich wieder open air, unter einem der Regen Sonnenschirme. 😄 Schon seit einigen Tagen war mein Liebster wegen der Wetteraussichten ziemlich beunruhigt, denn ein weiteres Tiefdruckgebiet nahte, und was da kommen sollte, verhieß nichts Gutes. Kurz: wir saßen in Wismar fest, die nächsten drei bis vier Tage sollte es stürmisch und regnerisch werden. Was tun? Erst als Thue festgestellt hat, dass die Wasserschutzpolizeistation von Wismar direkt am Hafen liegt und von dort aus ganz bestimmt alle Spitzbuben im Blick behalten werden konnten, hat er sich schweren Herzens von seinem elbkind losreißen können. Am nächsten Morgen haben wir unsere Taschen gepackt, es ging zu Fuß zum Bahnhof und wir sind mit dem Zug nach Hamburg gefahren. Auch solche Tage gehören zur Segelsaison – wenn nichts mehr geht, einfach mal ein kleines Wetterpäuschen zuhause auf dem Sofa einlegen!

 

 

Sommerfeeling in Kühlungsborn

Ahoi Ihr Lieben, wo waren wir stehengeblieben? Ach ja, im letzten Beitrag hatte ich Euch von unserem Mini-Bloggertreffen in Rostock-Warnemünde erzählt. Nach vier Tagen haben wir uns dann vom Yachthafen Hohe Düne losgerissen und es ging bei Sonnenschein und totaler Windstille weiter in westliche Richtung.

Ist das Wetter in diesem Sommer nicht total verrückt? Entweder weht uns der Wind die Mütze vom Kopf oder es herrscht Flaute. Für Segler ist das ja noch ärgerlicher als für Landratten, denn auf ein stabiles Azorenhoch, das uns wochenlang blauen Himmel, Sonnenschein und vor allen Dingen den perfekten Segelwind beschert, haben wir bisher vergeblich gewartet. Vielleicht sollte man das Schiff einfach versilbern und sich stattdessen ein schnuckeliges Sommerhaus in Dänemark zulegen? Dann könnte man den verregneten Sommer mit einem guten Glas Rotwein in der Hand und dem Lieblingsbuch auf dem Schoß hyggelig auf dem Sofa verbringen, statt tagelang eingeweht in irgendeinem Hafen rumzuhängen und sein Dasein unter Deck oder der klammen Kuchenbude zu fristen. Als vor ein paar Wochen der Wetter-Frust gerade mal wieder ziemlich groß war, haben wir über diese Möglichkeit tatsächlich schon mal kurz gesprochen. Aber ich schweife ab, sorry… Wenn’s um das Thema Wind und Wetter geht, sind wir Segler ja meistens nicht zu bremsen. 😄

Zum Glück war es nicht sehr weit bis nach Kühlungsborn, dem größten Seebad der mecklenburgischen Ostseeküste. Unter Maschine ging es die schöne Küste entlang, und nach nur 12 sm hatten wir unser Ziel erreicht. Weil wir schon um die Mittagszeit eingelaufen sind, haben wir auch gleich eine Box an einem der Schwimmstege mit Auslegern gefunden. 😊👍🏼

Am Steg fest in Kühlungsborn

Die Bordfrau meldete sich freiwillig zum Bezahlen des Hafengelds. Aber bevor man sich zum Hafenbüro begibt, sollte man sich besser die Steg- bzw. Liegeplatznummer merken, ohne diese Angaben kann das Schiff nämlich gar nicht angemeldet werden. Eigentlich hätte ich es ahnen können, dieselbe Erfahrung hatten wir ja ein paar Tage vorher schon im Yachthafen Hohe Düne gemacht. Naja, jeder Gang macht schlank… 😬.

Wer lesen kann, ist klar im Vorteil… 😉

Hinter dem Tresen im Hafenbüro saß ein netter, etwas rundlicher Hafenassistent, der die Ruhe weg hatte. Draußen schönstes Sommer-Sonne-Strandwetter, im Hafenbüro eine lange Warteschlange… „Sie waren noch nie hier? Würden Sie dann bitte dieses Formular ausfüllen? Für den Schlüssel zum Waschmaschinenraum müsste bitte eine Kaution bezahlt werden. Tut mir leid, das geht nur in bar, nicht per Kreditkarte…“ usw. usf. Wenn’s mal wieder länger dauert….

Nachdem das Liegegeld bezahlt, Poletten für die Nutzung von Waschmaschine und Trockner besorgt und ein Kessel Buntes gestartet waren, ging’s es auf direktem Weg an den Strand, für mich jedenfalls. Mein Skipper steht nicht so auf FKK und machte in der Zwischenzeit ein kleines Nickerchen im Cockpit. Endlich kam mal ein Hauch von Sommerfeeling auf! ☀️ Der Sand am Strand war so heiß, dass schon Brandblasen-Gefahr für meine Fußsohlen bestand, jedenfalls gefühlt. Eine kleine Abkühlung wäre genau das Richtige gewesen, aber kaum hatten meine Füße das kühle Ostseenass berührt, näherten sich auch schon die ersten Quallen. Die Viecher sind nicht gerade meine besten Freunde, also Kehrtwende und flink zurück aufs Strandlaken. Das Schwimmen musste leider bis auf Weiteres vertagt werden. 😐

Am Nachmittag wurde die Gegend rund um den Hafen dann erstmal genauer erkundet. Ein Spaziergang entlang der längsten Strandpromenade Deutschlands (sie misst fast 4 km) führte uns an schicken Boutiquen, Restaurants und Cafés vorbei bis zur Seebrücke. Plötzlich war er da, der Sommer. Hatte er sich vielleicht verlaufen? Die Strandkörbe waren jedenfalls gut besetzt, und halb Kühlungsborn flanierte die Promenade auf und ab. Viele Leute waren unterwegs, um die entspannte Stimmung am Wasser, den blauen Himmel und den Blick zum Horizont zu genießen. Und wir hatten das Gefühl, wir treiben den Altersdurchschnitt dramatisch nach oben. Obwohl wir ja auch nicht mehr die Allerjüngsten sind. If you know what I mean. 😬

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Sommer in Kühlungsborn

​Abends haben wir in einem der Restaurants an der Promenade mit schönem Blick aufs Meer auf der Terrasse gesessen, leckere Sanddorn-Cocktails geschlürft und gut gegessen. Wir konnten unser Glück kaum fassen. Zum ersten Mal in diesem Jahr konnte die Fleecejacke im Schrank bleiben, stattdessen hatten Sommerkleid und Sandalen Premiere. 😊👗👡

Bei unserem Treffen mit Undine und Sven in Warnemünde hatten wir die beiden ausgefragt, was man denn in Kühlungsborn unternehmen kann oder unbedingt gesehen haben muss. Die beiden waren sich sofort einig: ein Ausflug mit der Mecklenburgischen Bäderbahn Molli ist eine gute Idee! Erstaunlicherweise war es gar nicht schwer, meinen Liebsten zu diesem Touri-Programm zu überreden. Am nächsten Morgen stiegen wir in den Zug und konnten Eisenbahn-Nostalgie pur erleben. Die Strecke der Schmalspurbahn ist ingesamt 15,4 km lang und führt vom Ostseebad Kühlungsborn über Heiligendamm nach Bad Doberan. Anfangs zuckelte Molli noch langsam durch den Ort, aber schon kurze Zeit später ging es unter Dampf in flottem Tempo die Steilküste entlang, durch Wiesen und Felder bis nach Heiligendamm. Während der Tour haben wir auf der Plattform zwischen zwei Waggons gestanden und uns den Fahrtwind um die Nase wehen lassen, herrlich! In Heiligendamm (das übrigens das erste Seebad Deutschlands ist) angekommen, sind wir gleich in Richtung Strand spaziert. Wo soll es bei Seglern auch sonst hingehen? 😉

An der Strandpromenade haben wir die beeindruckenden klassizistischen Bauten bestaunt. Es gab auch einige Baustellen, denn momentan werden einige Villen nach historischen Originalplänen aufwendig restauriert und sollen später als Eigentumswohnungen (mit unverbaubarem Ostseeblick, versteht sich) verkauft werden. Nichts für normale Millionäre. 😎💰 Von der Seebrücke aus haben wir den Blick über die Ostsee genossen und sogar einen netten Herrn überreden können, uns unter dem Heiligendamm-Schild zu fotografieren. Irgendwie ist es mir immer ein bisschen peinlich, jemanden anzusprechen und um ein Foto zu bitten, aber hinterher freut man sich wie Bolle über das Foto.

Abgesehen von den kleinen Startschwierigkeiten beim Anmelden haben wir uns in Kühlungsborn ausgesprochen wohlgefühlt. Wie herrlich bequem, den Bäcker und in Sichtweite zu haben! Tagelang wurde nicht mehr an Bord gefrühstückt. 10 von 10 Punkten vergeben wir außerdem für die erstklassigen sanitären Anlagen des Bootshafens, alles war blitzsauber und picobello in Ordnung. Das haben wir in anderen Marinas schon ganz anders erlebt.

Bemerkenswert fand ich auch die Seewetterstation auf dem Dach des Hafenhauses. Die Gäste des Hafens profitieren davon: kostenlose Wetterinfos zum Mitnehmen liegen im Hafenbüro aus, und täglich finden Wetter-Meetings statt. Ein toller Service! Alle weiteren Infos zum Bootshafen findet Ihr hier.

Nach zwei Tagen sollte es dann weitergehen in Richtung Wismar. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätten wir unseren Aufenthalt gern noch um ein paar Tage verlängern können – schließlich ist Segeln das bessere Campen. 😉 Aber der Liebste, der ja die Großwetterlage immer genau im Blick hat, hielt es für angebracht, weiterzusegeln, weil das nächste Tiefdruckgebiet schon wieder nahte. Hat da jemand was von Sommer gesagt?

Gleich nach dem Frühstück wollten wir ablegen, aber daraus wurde nichts, denn die Ostsee sah an diesem Morgen alles andere als einladend aus. Hinter der Mole stand ein fieser Ostseehack mit Schaumkronen und der Windmesser zeigte bis zu 14 m/s. Nachdem wir beobachtet hatten, wie eine schwedische Yacht zweimal auslief und zweimal wieder umkehren musste, haben wir unseren Start immer wieder verschoben. Erst als Wind und Wellen sich am späten Nachmittag ein wenig beruhigt hatten, haben wir uns aus dem Hafen getraut. Jetzt oder nie, Leinen los und auf nach Wismar! Und Ihr ahnt es schon: der Wind dachte sich wohl „mir doch egal, was die Wettervorhersage sagt – ich mache, was ich will!“. Wir hatten ihn wieder direkt von vorn, und wieder mal blieben die Segel eingepackt. Aber wie heißt es so schön? Gift für einen Dieselmotor in einem Segelboot ist es, nur für Hafenmanöver gestartet zu werden, der will regelmäßig laufen. Na dann!