Wismar und die Flucht aufs Sofa

Ahoi Ihr Lieben, da sind wir wieder – Willkommen zurück an Bord auf unserem Törn von Kühlungsborn nach Wismar. Wo ist bloß die Zeit geblieben? Das alles liegt nun schon wieder einige Wochen zurück, aber unser Segeltagebuch soll natürlich noch vervollständigt werden.

Erst am späten Nachmittag hatten wir den Bootshafen Kühlungsborn im Kielwasser zurückgelassen. Nun hatten wir den Wind direkt von vorne, und das bedeutete, dass die „Unterwasser-Genua“ aktiviert werden musste. Der Volvo schnurrte vor sich hin und ein fieser Ostseehack machte uns das Leben schwer, denn der frische Wind aus den Tagen zuvor hatte dafür gesorgt, dass sich eine Welle von ca. anderthalb Metern aufgebaut hatte. Tapfer kämpfte unser elbkind gegenan, während Thue die Geschwindigkeit immer wieder der Welle anpasste, damit wir nicht zu sehr durchgeschaukelt wurden. Trotz seiner Bemühungen befiel mich schnell eine bleierne Müdigkeit – meistens ein Anzeichen für beginnende Seekrankheit. Aber die Fische zu füttern kam überhaupt nicht in Frage! Mit starrem Blick auf die Küste rettete ich mich irgendwie über die Runden und ich hoffte inständig, dass diese blöde Geigerei möglichst schnell vorübergeht. Wer noch nie seekrank war, bekommt im nachfolgenden Filmchen ein paar aufschlussreiche Infos zum Thema. Schlecht ist es natürlich, wenn man keinen Apfelkuchen an Bord hat. 😂


Allmählich erreichten wir die Wismarbucht und tuckerten durch das gut betonnte Fahrwasser. Die Insel Poel mit dem Hafen Timmendorf ließen wir an backbord liegen, dann folgte an steuerbord der Yachthafen Wendorf. Inzwischen hatte sich der Wind fast vollständig gelegt, am Abendhimmel tauchte sogar ein Heißluftballon auf. Was für ein toller Anblick! Kurz vor der Hafeneinfahrt begrüßte uns ein freundlich dreinblickender Schwedenkopf auf einem Duckdalben.

Langsam näherten wir uns Wismar. Unterwegs hatten wir den Hafenführer intensiv studiert, waren uns aber trotzdem nicht sicher, welcher Hafen denn nun eigentlich der richtige für uns ist. Nun wurden alle Häfen einfach der Reihe nach abgeklappert. Zuerst steuerten wir den Westhafen an, aber es war leider schon zu spät – alle Boxen waren voll belegt und außerdem schwamm jede Menge Seegras im Wasser, das mein Skipper nicht im Propeller haben wollte. Nix wie weg, weiter ging es in den Alten Hafen gleich nebenan. Hier waren fast alle Plätze für die Berufsschifffahrt reserviert, wir hätten nur längsseits festmachen können und außerdem wirkte der Hafen sehr unruhig. Am Ende blieb uns nur noch eine Möglichkeit – es ging am Torfterminal vorbei zum „Wasser-Wanderrastplatz“ am Brunowkai. Genau eine Box gab es noch, in die unser elbkind passte, die freundliche Besatzung eines Charterboots nahm unsere Leinen an. Neben uns am Steg eine Nordborg 30 aus Lübeck, deren Crew sich erstmal nicht blicken ließ. Auf der gegenüberliegenden Seite des Hafens war ein Kran damit beschäftigt, unter lautem Getöse ein Frachtschiff mit Holz zu beladen. Ach Du Schreck… – hoffentlich machen die nachts Pause… 😳 Machten sie – zum Glück!

Hafenrundfahrt
Kleine Hafenrundfahrt in Wismar
Holzhafen Wismar
Im Holzhafen war beinahe durchgehend geöffnet…
Als wir an einem der Fingerstege festgemacht hatten, brachte Thue wegen des angekündigten Windes noch schnell ein paar Springleinen an. Sicher ist sicher. Dann aber flott raus aus den Segelklamotten und ein bisschen frischgemacht, rüber zum Servicegebäude und das Hafengeld in einen Briefumschlag und den in einen Briefkasten gesteckt. Anschließend ging es zu Fuß in die Stadt. Der Wind hatte Pause, es war trocken mit angenehmen Temperaturen und wir konnten draußen sitzen. Ich weiß ja nicht, wie es den Seglern geht, die Ihr hier gerade mitlesen, aber nach mehreren Wochen an Bord und frischer Luft um die Nase können wir es in geschlossenen Räumen kaum aushalten, eigentlich gar nicht. Das fällt uns immer dann auf, wenn wir unterwegs mal essen gehen und besonders natürlich, wenn die Segelsaison vorbei ist. Noch wochenlang reißen wir zuhause sämtliche Fenster und Türen auf,  bis wir uns endlich wieder an das Leben in einem Haus gewöhnt haben. 😄 Frische Luft ist im Sommer einfach unser Lebenselixier.

Unser Ziel war das Brauhaus am Lohberg, das in einem historischen Gebäude direkt gegenüber des Alten Hafens liegt. Hier sind wir eingekehrt, haben eine Kleinigkeit gegessen und die Bierkarte rauf und runter probiert. Das Rennen hat am Ende das Wismarer Pilsener vor dem Roten Erik  gemacht, insgesamt waren wir uns aber einig, dass dem Gerstensaft ein wenig „Prickel“ fehlte. Beim Flammkuchen war geschmacklich noch Luft nach oben, aber wenigstens war er warm und machte satt, das war an diesem Abend die Hauptsache.

Am nächsten Tag haben wir Wismar dann zu Fuß erkundet. Vom Hafen aus ging es durch das alte Stadttor in Richtung Innenstadt und wir haben uns von den kurzen Regenschauern, die zwischendurch immer wieder runterkamen, nicht den Spaß verderben lassen. War das schön! Wismars Altstadt gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe, und eigentlich ist die Bezeichnung schön völlig untertrieben. Die gut erhaltenen historischen Gemäuer, schönen Giebelhäuser und farbenfrohe Fassaden der Stadt haben uns sofort begeistert. Ich musste natürlich die Nikolaikirche besichtigen, während mein Skipper durch die Straßen streifte. Besonders sehenswert fanden wir den genau 100 x 100 m großen Marktplatz mit dem Wahrzeichen der Stadt, der Wismarer Wasserkunst. Sie stammt aus dem 16. Jahrhundert und hat seinerzeit die Bürger der Hansestadt mit Trinkwasser versorgt.

In der Altstadt sind wir auf dieses Straßenschild gestoßen. Da reibt man sich schon mal die Augen. Was hat denn das zu bedeuten?? Ein Schelm, der dabei schlüpfrige Gedanken hat. Natürlich habe ich mich sofort schlaugemacht und bin im Netz fündig geworden. Man lernt ja immer was dazu…

Tittentasterstraße
Tittentasterstraße
Wahrscheinlich ist, dass der Name durch das Abtasten von Brüsten in eben jener Straße entstand. Durch das Abtasten überprüfte man früher die Stillfähigkeit von Ammen, welche sich bei der Aussicht auf eine Einstellung in der Gasse aufstellten und ihre Dienste anboten. Viele wohlhabende Familien haben früher nicht nur die Kindererziehung, sondern auch die Milchversorgung einer Amme anvertraut.

Abends saßen wir dann bei strömendem Regen beim Italiener am Marktplatz. Natürlich wieder open air, unter einem der Regen Sonnenschirme. 😄 Schon seit einigen Tagen war mein Liebster wegen der Wetteraussichten ziemlich beunruhigt, denn ein weiteres Tiefdruckgebiet nahte, und was da kommen sollte, verhieß nichts Gutes. Kurz: wir saßen in Wismar fest, die nächsten drei bis vier Tage sollte es stürmisch und regnerisch werden. Was tun? Erst als Thue festgestellt hat, dass die Wasserschutzpolizeistation von Wismar direkt am Hafen liegt und von dort aus ganz bestimmt alle Spitzbuben im Blick behalten werden konnten, hat er sich schweren Herzens von seinem elbkind losreißen können. Am nächsten Morgen haben wir unsere Taschen gepackt, es ging zu Fuß zum Bahnhof und wir sind mit dem Zug nach Hamburg gefahren. Auch solche Tage gehören zur Segelsaison – wenn nichts mehr geht, einfach mal ein kleines Wetterpäuschen zuhause auf dem Sofa einlegen!

 

 

8 Kommentare

  1. Liebe Martina, das freut mich, dass euch Wismar gefallen hat. Es ist wirklich eine hübsche Stadt und wenn ich mal in der Mittagspause in die City gehe, bin ich auch immer wieder begeistert von den Gebäuden. Lohnenswert ist z.B. auch eine Nachtwächtertour, eine Stadtführung im abendlichen Wismar (http://www.wismar.de/Tourismus-Welterbe/Reiseveranstalter/Stadtf%C3%BChrungen/Nachtw%C3%A4chter-F%C3%BChrung-durch-die-abendliche-Altstadt-von-Wismar-.php?object=tx,2634.4.1&ModID=11&FID=2634.5732.1&NavID=2634.197&La=1&call=suche). Essen ist lecker im „Rialto“. Die Fischbrötchen am Hafen sind aber auch immer lecker und frisch. Liebe Grüße Undine

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    1. Na, wenn sich jemand in Wismar auskennt, dann bist das natürlich Du, liebe Undine! 😄👍🏼 Deine Tipps werden wir für unseren nächsten Wismar-Besuch auf jeden Fall im Hinterkopf behalten. So eine Nachtwächtertour ist toll, in Ærøskøbing und Fåborg haben wir auch schon daran teilgenommen und dabei viel über beide Städte gelernt.

      Liebe Grüße an Dich und Sven!

      Martina & Thue

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  2. Hallo Martina, sehr schöner Reisebericht über Wismar. Habe einiges Neues erfahren 😉 Bin selbst auf meiner Rückreise schon in Nähe der deutschen Küstengewässer, auf der holländischen Insel Vlieland. Gruß Heinz

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  3. Liebe Martina, Ihr könnt es in geschlossenen Räumen kaum aushalten? Da musste ich schmunzeln. Auch wenn ich nicht mehr aktiv Segle, so scheint genau dieses Phänomen bei mir auch immer noch vorhanden zu sein. Sobald die Temperaturen einigermaßen erträglich werden, muss ich raus! Ich glaube, dass macht mir auch jedes Jahr den Abschied vom Sommer so schwer, die Aussicht auf dunkle Tage in beheizten Räumen.

    Ich wünsch Euch noch viel frische Luft bis es ins Winterquartier geht.

    Liebe Grüße, Ulrike

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    1. Das stimmt, liebe Ulrike. Für mich ist der schlimmste Moment im Jahr immer gekommen, wenn ich wieder Strümpfe anziehen muss. 😄

      Andererseits – wenn man den Absprung vom Sommer erstmal geschafft hat, ist es auch wieder schön, sich bei Kerzenschein und einem Gläschen Rotwein gemütlich auf dem Sofa einzukuscheln.

      Liebe Grüße an die Nordsee, Martina 💝

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  4. Klasse! Ich finde Wismar hat was Schwedisches. Ich muss unbedingt mal wieder hin. Ihr ward dann ja vermutlich gleich zweimal da? 😉 Aber Spaß beiseite, das stelle ich mir gar nicht leicht vor, sein Elbkind zurückzulassen.

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    1. Ja, Wismar war lange unter schwedischer Herrschaft, und das ist auch heute noch deutlich zu spüren. Und Du hast natürlich recht – ein paar Tage später waren wir zurück in Wismar und happy, das Schiff unversehrt wieder vorzufinden. 😉 Und jetzt schaue ich mal bei Dir auf dem Blog vorbei, ich muss endlich die letzten zwei Beiträge lesen… 😊

      Liebe Grüße, Martina

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