Marstal – Inselidylle mit tapferen Seefahrern, bösen Oberlehrern und indischen Feuerbestattungen…

OK, ich geb’s ja zu – Euer Gefühl täuscht Euch nicht. Die Luft ist ein kleines bisschen raus bei uns. Ich schätze, das liegt  daran, dass wir unsere Pläne für diese Segelsaison wegen des ständig schlechten Wetters irgendwann über den Haufen geworfen haben. Denn eigentlich wollten wir ja nicht nur in dänischen Gewässern segeln, sondern auch nach Schweden und Ende Juni in Göteborg sein, wenn die Rennboote vom Volvo Ocean Race ihr letztes Ziel ansteuern. Und anschließend vielleicht sogar noch weiter in den Oslofjord. War ja alles nix. Just for the records: Die Messstation in Blåvand an der dänischen Westküste hat im Mai 21 Tage mit Starkwind (oder mehr!) registriert, und im Juni waren es 16 Tage.

Aber alles im Leben hat ja auch seine guten Seiten. So kamen wir nämlich endlich mal dazu, nach Marstal zu segeln, der Inselhauptstadt von Ærø. Schon so oft drüber gesprochen und trotzdem nie hingesegelt. Die wunderhübsche Insel liegt im Süden Dänemarks am Eingang zum kleinen Belt. Von Kappeln aus war es nicht weit bis nach Marstal – also los. Ein Segeltag wie aus dem Bilderbuch! Unter Motor ging’s raus aus der Schlei und rein in die Ostsee, dann zogen wir schnell die Segel hoch und konnten bei südlichem Wind  6-9 m/s quer von achtern die Sonne und den blauen Himmel genießen.

Unsere Route von Kappeln nach Marstal
Unsere Route von Kappeln nach Marstal

Den Hafen von Marstal konnten wir schon aus weiter Ferne leicht erkennen. Wer sich bei der Ansteuerung nicht an das betonnte Fahrwasser hält, lebt übrigens ziemlich gefährlich, denn außerhalb der Markierungen wird es ganz schnell flach. Schon das Einlaufen in den Hafen ist ein Erlebnis! Durch die lange Einfahrt geht’s vorbei am Fischereihafen, dem Fähranleger und einer Werft. Dann erreicht man den Sportboothafen, der im Sommer von unzähligen dänischen, deutschen und schwedischen Seglern angesteuert wird und deshalb – zumindest in der Sommersaison – meistens auch schon früh am Tag voll ist. Zum Glück waren wir schon gegen Mittag da und haben problemlos einen Liegeplatz bekommen.

Die Marina ist ausgesprochen kinderfreundlich und deshalb ein beliebtes Ziel für Familien. Hier gibt es keine Schilder mit der Aufschrift „Betreten des Rasens verboten“, und die Spielplätze sind auch prima. Abends auf dem Grillplatz war die Hölle los. Es herrschte eine Stimmung wie auf dem Hamburger Dom, und die riesigen Rauchwolken der vielen Grills erinnerten eher an indische Feuerbestattungsrituale als an eine kultivierte Art der Fleischzubereitung. Muss man mögen.. 😉

Am Gästesteg
Leben und Treiben am Gästesteg in Marstal

Mit bei uns am Tisch saß eine nette dänische Familie mit süßen zweijährigen Zwillings-Jungs, die sich zu viert eine riesige Pizza teilten. Es stellte sich heraus, dass der junge Vater der Pastor der Kirche von Ærøskøbing war, einem netten Städtchen im Osten der Insel. Ein interessantes und aufschlussreiches Gespräch folgte, in dem wir erfuhren, dass selbst an guten Tagen nicht mehr als 20 Menschen den Gottesdienst besuchen. Wirklich bewundernswert, unter solchen Bedingungen als Pastor nicht die Motivation zu verlieren!

Apropos Kirche: Natürlich haben wir auch die Kirche in Marstal besichtigt, die im Jahr 1738 erbaut wurde und in der 7 Schiffe von der Decke hängen – ein deutliches Zeichen dafür, dass Marstal eine alte Seefahrerstadt ist. Das Altarbild des Malers Carl Rasmussen zeigt Jesus, der den Sturm über dem See Genezareth besänftigt. Für die Gesichter der 12 Apostel haben ihm damals angeblich einige Männer aus Marstal Modell gestanden. Manchmal muss man sich eben einfach nur zu helfen wissen!

Das Altarbild in der Marstal Kirke
Das Altarbild in der Marstal Kirke

Der dazugehörige Friedhof wurde 1895 aus Platzmangel stillgelegt, aber es gibt noch immer alte Grabsteine und ein Monument für Seeleute, die im ersten und zweiten Weltkrieg ihr Leben lassen mussten. Besonders aber interessierte uns – vor allen Dingen Thue, der das Buch „Wir die Ertrunkenen“ von Carsten Jensen gelesen hat – der Grabstein des Oberlehrers Ishoy. Letzterer kam nämlich unter dem Namen „Isager“ als einer der Protagonisten im Buch vor, der seine Schüler nicht gerade nett behandelt hat. Und wir wurden tatsächlich fündig:

Der Grabstein des Oberlehrers Ishoy
Der Grabstein des Oberlehrers Ishoy

Marstal hat uns uns gut gefallen, allerdings sind wir schon nach zwei Tagen in Richtung Fåborg auf Fünen aufgebrochen, denn die nächste Schlechtwetterfront war schon wieder im Anmarsch. Bei Regen liegen wir mit dem Elbkind nämlich lieber in größeren Häfen, denn da gibt’s einfach mehr Abwechslung und Zeitvertreib…

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Der Hafen von Marstal – nicht nur für uns, sondern auch für Traditionssegler ein beliebtes Ziel!

Ein Kommentar zu „Marstal – Inselidylle mit tapferen Seefahrern, bösen Oberlehrern und indischen Feuerbestattungen…

  1. Liebe Elbkinder, nun bewegen wir uuns ja schon fast wieder im selben Fahrwasser! Gehen morgen durch Smålandsfahrwasser gen West. Bleibt ihr noch in der Gegend? Wir peilen grob gesehen Kiel an, aber auf welchen Wegen ist noch unklar… vieleicht sehen wir uns noch? LG~ S.u.N.

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