Kappeln – das Elbkind auf dem „Präsentierteller“, unverhoffte Begegnungen und schöne Spaziergänge

Einen Wecker haben wir nicht gebraucht am vorletzten Sonntag in Sønderborg. Zack! Schon um halb sieben ging’s freiwillig raus aus der Koje und rein in die Segelklamotten. Die Zeit war reif – wir freuten uns richtig auf Kappeln, denn eigentlich hatten wir uns für unsere zweite Segelrunde vorgenommen, endlich auch mal die deutsche Ostseeküste ein bisschen zu erkunden. Kappeln war noch unbekanntes Terrain für uns, denn bisher sind wir mit dem Elbkind nur einmal in Flensburg gewesen. Das musste sich ändern.

Der Wind war über Nacht abgeflaut und inzwischen so schwach, dass wir unter Segeln kaum Fahrt machten, um Kappeln noch so rechtzeitig zu erreichen, dass wir eine Chance auf einen Platz im Gästehafen hatten. Wieder einmal bestätigte sich unsere Theorie: der Wind ist immer dann da, wenn man ihn NICHT braucht. Und umgekehrt. Aber zum Glück hat das Elbkind ja auch einen Motor.

Unsere Route von Sønderborg nach Kappeln
Unsere Route von Sønderborg nach Kappeln

Fast unbeschreiblich, was für eine wunderbare Stimmung wir erlebt haben, als wir in die Schlei liefen! Ganze Heerscharen von Schiffen kamen uns entgegen – die Ferien in Schleswig-Holstein hatten nämlich gerade begonnen, und unzählige Crews und viele Familien waren nun auf dem Weg in den Segelurlaub. So viele glückliche Menschen auf einmal habe ich wirklich nur selten gesehen. Es wurde fröhlich von Schiff zu Schiff gewinkt (das ist nämlich  nicht nur unter Motorradfahrern, sondern auch unter Seglern üblich – warum Windsurfer nie zurück winken, ist mir irgendwie schleierhaft 😜) und angesichts der zahlreichen auslaufenden Schiffe konnten wir uns inzwischen gute Chancen auf einen freien Hafenplatz ausrechnen.

Auf geht's in die Schlei!
Auf geht’s in die Schlei!

Vorbei ging’s an der Giftbude in Schleimünde und dem Yachthafen Maasholm ins Schlei-Fahrwasser. Kurz vor Kappeln begegnete uns der Traditionssegler „Amazone“, auf dem wir im September 2007 gemeinsam mit Freunden ein schönes Segelwochenende verbracht haben (damals, als wir noch von einem eigenen Schiff träumten!). Sönke, den Skipper, haben wir später auch im Museumshafen Oevelgönne in Hamburg und in Dyvig getroffen. Er erkannte uns sofort und winkte uns freudig zu. Ein überraschendes Wiedersehen!

Amazone voraus!
Amazone voraus!

Auf der Steuerbordseite tauchte schon bald die Bootswerft von Henningsen & Steckmest auf, anschließend die Ancker Marina und der Fischereihafen, und dann hatten wir auch schon den Gästehafen erreicht. Und es gab tatsächlich noch freie Plätze! Wir legten neben einem alten, dickbäuchigen Motorsegler an, dessen Crew – inklusive Bordhund, einem Zwergschnauzer – uns  freundlich begrüßte und unsere Vorleinen annahm. Die Klampen waren noch nicht belegt, da musste ich dem Skipper auch schon erklären, warum denn unser Schiff „elbkind“ heißt und wir unter dänischer Flagge segeln?! Was das denn wohl für ein Durcheinander sei? Brav wie ich bin, habe ich ihm natürlich sofort Rede und Antwort gestanden: dass ich als waschechte „Hamburger Deern“ einen Dänen geheiratet habe. Ach so! Das leuchtete ihm schnell ein, und er schmunzelte zufrieden.

OK, angekommen – also flott klar Schiff machen und erst mal kurz orientieren. Das Elbkind lag nun direkt an der Hafenmole mitten in der Stadt, quasi mit dem Bug an der „Flaniermeile“ von Kappeln, direkt gegenüber dem Pierspeicher und mit dem Heck fast im Schlei-Fahrwasser. Nur ein paar hundert Meter von der Lindaunis-Brücke entfernt, die immer um Viertel vor Voll für den Schiffsverkehr öffnet. Das war für mich anfangs etwas gewöhnungsbedürftig, denn ich hab’s eigentlich gern etwas ruhiger. Thue dagegen fühlte sich gleich wie ein Fisch im Wasser, denn nun wurden die zahlreichen bunten Hafenmarken an unserem Bugkorb von Spaziergängern und Nachbarliegern bestaunt, und das gab natürlich viel Gesprächsstoff…

Anschließend wollten wir zu Fuß ein bisschen die Gegend erkunden. Der Himmel war inzwischen leider grau und wir mussten auch nicht lange warten, bis es wie aus Eimern zu regnen anfing – ausgerechnet, als wir in einem Café saßen und die 4 (in Worten: vier) Regenschirme, die wir an Bord haben, natürlich genau dort lagen. Murphy’s Law! Zum Glück war der Weg zurück zum Schiff aber nicht besonders weit, und wir sind ja auch nicht aus Zucker.

Nach dem Frühstück im Restaurant Pierspeicher am nächsten Morgen ging’s zu Fuß auf die andere Seite der Lindaunis-Brücke.

Mein neuer Freund sitzt auf der Treppe an der Lindaus-Brücke. Ein ganz harter Typ, aber pflegeleicht: er redet nämlich NIE gegenan!
Mein neuer Freund sitzt auf der Treppe an der Lindaunis-Brücke. Ein ganz harter Typ, aber herrlich pflegeleicht: er redet nämlich NIE gegenan!

Dort im Hafen entdeckten wir Bente, das neue, imposante Projekt-Segelboot von Digger (eigentlich heißt er ja Stephan). Ihn und seine süße Parson Jack Russell Hündin Polly haben wir vor einiger Zeit auf der Hanseboot in Hamburg kennengelernt, als er sein Buch vorstellte. -> http://www.diggerhamburg.com. Nach einem kleinen Klönschnack mit Stephan (Polly war leider müde und pennte unter Deck) zogen wir weiter in den schönen Museumshafen von Kappeln.

Das ist Polly. Ist sie nicht goldig?
Das ist Polly. Ist sie nicht goldig?

Hier herrscht eine ganz besondere, ruhige und friedliche Atmosphäre, und es gibt natürlich jede Menge schöne alte Schiffe zu begucken. Ein echter Augenschmaus!

Im Museumshafen von Kappeln
Im Museumshafen von Kappeln

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Und weil ich finde, dass es gelegentlich auch mal etwas Anderes geben muss als immer nur Schiffe, haben wir anschließend die alte Holländer-Mühle „Amanda“ besichtigt, die 1888 erbaut wurde und noch bis 1964 in Betrieb war. Heute kann man hier standesamtlich heiraten, die Mühle kostenlos (!) besichtigen und sich neben einer Pappmaché-Figur des aktuellen „Landarzt“-Darstellers, Wayne Carpendale, fotografieren lassen. Wer’s mag…

Die alte Holländermühle
Die alte Holländermühle „Amanda“

Nachmittags lief uns überraschend Roland über den Weg, seit kurzer Zeit ebenfalls stolzer Besitzer einer Nordborg 40. Er war allein mit dem Schiff unterwegs, und wir verabredeten uns spontan zum Abendessen beim Italiener an der Mole. Es gab Pizza, Pasta und eeeendlose technische Gespräche über das Segeln im Allgemeinen, insbesondere das Segeln einer Nordborg 40, das optimale Segelmaterial und so weiter… Ich will es mal zusammenfassen: der Abend war nett, aber ich hätte mich gefreut, wenn auch Tina, Roland’s bessere Hälfte, mit dabeigewesen wäre – nur so als Ausgleich, wegen der Frauenthemen. Ihr wisst schon. 😉

An unserem letzten Tag in Kappeln frischte der Wind so sehr auf, dass wir uns entschieden, lieber zu Fuß nach Arnis zu gehen, statt uns auf die Bordfahrräder zu schwingen. Wenn ich nämlich etwas überhaupt nicht mag, ist es Gegenwind beim Radfahren!

Übrigens – für alle, die es noch nicht wussten: Arnis, auch „die Perle an der Schlei“ genannt, ist die kleinste Stadt Deutschlands! (www.arnis.de) Unser Spazierweg führte uns zuerst entlang der Schlei und später über kleine Rad- und Wanderwege, teils auch asphaltierte, kaum befahrene Straßen bis zum hübschen Yachthafen von Arnis. Nach einer kleinen Runde durch den Hafen ging es weiter am Noor entlang Richtung Stadtmitte. Wie idyllisch und malerisch es hier war! Das Zentrum bildet die Lange Straße mit hübschen Fischerhäusern, gesäumt von Kopflinden.

Das ist sie, die Lange Straße in Arnis
Die Lange Straße in Arnis

 

Hübsche Haustüren in der Langen Straße
Wunderhübsche Haustüren überall..

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Durstig wie wir waren, kehrten wir im Fährhaus ein und zischten erst mal ein Alsterwasser. Ganz in der Nähe, direkt am Fähranleger, haben wir später ein kleines Café entdeckt, das hier nicht unerwähnt bleiben darf. Es ist nämlich nur nach Lust und Laune (und wahrscheinlich auch nur bei gutem Wetter) geöffnet, die Gäste werden von einem mobilen Verkaufsstand aus bewirtet und es gibt nur wenige Sitzgelegenheiten, die fast improvisiert wirken. Hat man erst mal Platz genommen, will man am liebsten nie wieder aufstehen, denn der wunderschöne Blick auf die Landschaft, die Schlei, die kleine Fähre und einen klitzekleinen Hafen hat eine Wirkung wie Pattex. Und der Milchkaffee war auch lecker.

Milchkaffee mit Schleiblick - bei Sonnenschein. Mehr geht nicht!
Milchkaffee mit Schleiblick – bei Sonnenschein. Mehr geht nicht!

Fahrt also unbedingt mal nach Arnis, wenn die Sonne scheint, und nehmt vielleicht auch Eure Fahrräder mit. Es lohnt sich!

Abends landeten wir mit etwas Glück (wir hatten nicht reserviert und erwischten den letzten freien Tisch) im Restaurant Stark, wieder direkt an der Hafenmole von Kappeln. Hier gab es keine Speisekarte – alle Gäste bekommen Salat und Antipasti als Vorspeise. Anschließend wird man vom Kellner in die Küche geführt und bespricht mit dem Koch, was man essen möchte. Angeblich gibt es hier den frischesten Fisch in ganz Kappeln – am selben Tag gefangen. Und der gegrillte Fisch, den wir ausgesucht haben, war wirklich gut – vom Weißwein ganz zu schweigen. Die Preise fanden wir moderat. Es blieb übrigens bis zum Schluss spannend, weil einem niemand sagt (und man natürlich auch nicht fragen will) was der Spaß denn eigentlich kostet. Nennt man sowas eigentlich Erlebnis-Gastronomie, wenn diese Überraschung erst zum Schluss kommt?

Im Restaurant
Im Restaurant „Carl“ in Kappeln

Zurück an Bord kamen wir (also eigentlich mal wieder Thue) mit unseren Stegnachbarn ins Klönen, und in Nullkommanix hatten wir Gäste an Bord. Wir lernten Pia und Carl kennen, ein sympathisches, dänisches Paar aus Humlebæk auf Sjælland, und der Abend klang mit Rotwein, Bier und interessanten Gesprächen im Cockpit aus.

Wie schön, dass 6 Jahre Dänischkurs bei der Volkshochschule Norderstedt und das Training an Sommerabenden mit dänischen Seglern in Dyvig  mich inzwischen in die Lage versetzen, einem Gespräch unter Dänen zumindest in groben Zügen zu folgen. Und wenn man zwischendurch mal den Faden verliert: immer schön lächeln und nicken! 😎

Pia und Carl
Pia und Carl

Am nächsten Morgen wurden schon früh die Leinen losgeworfen. Pia und Carl schliefen noch, als wir kurz vor halb acht ausliefen – auf ging’s nach Ærø! Unser Ziel war Marstal, denn plötzlich kam irgendwie wieder Sehnsucht nach Dänemark bei uns auf, und sogar die Wind- und Wettervorhersage stimmte ausnahmsweise mal…

7 Kommentare zu „Kappeln – das Elbkind auf dem „Präsentierteller“, unverhoffte Begegnungen und schöne Spaziergänge

    1. Hej Digger!

      Ja, Durchhalten ist jetzt angesagt. Und sich die Zeit vertreiben beim Yachtforum und auf der Hanseboot. 😄 Vielleicht sehen wir ja uns auf der Messe.

      Bis dann, lieben Gruß zurück, natürlich auch an Polly! 🐶

      Martina & Thue

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  1. Liebe Martina ich gelobe Besserung werde dich nächstes Mal auf jeden Fall mit einbeziehen in die Gespräche übers Segeln und andere technische Dinge!

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  2. Hej Martina, ein toller Bericht. Besonders spannend für mich, weil ich in Kappeln geboren bin. Allerdings treffe ich nicht so viele Leute wie Ihr, wenn ich mal zu Besuch bin. 🙂 Liebe Grüße, Stefanie

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