Auf geht’s nach Klintholm!

Donnerstagmorgen. Heute sollte es in östliche Richtung weitergehen. Wir wollten versuchen, bis nach Klintholm auf der Insel Møn zu segeln – wieder ein Törn von über 40 Meilen.

Den geplanten Abstecher nach Bornholm mussten wir inzwischen von unserer Reiseroute streichen, denn leider hat sich herausgestellt, dass Anne-Cathrine, Thue’s Tochter Nr. 2, die seit März im Krankenhaus von Rønne als Ärztin arbeitet, in der geplanten Zeit gar nicht auf der Insel ist. Schade! Aber alles hat ja zwei Seiten: so gewinnen wir etwas Zeit zum Rumtrödeln – z.B. in Kopenhagen.

Beim Auslaufen von Karrebæksminde hatten wir 3 kn auslaufenden Strom mit Gegenwind von ca. 12 m/s, das entspricht ca. 6 Windstärken. Um diese „Achterbahnfahrt“ ein wenig auszugleichen, kämpfte sich unser Elbkind unter Vollgas gegen eine Welle von 2 m an. Anfangs ging es 6 Meilen lang in südwestliche Richtung bis zum Knudshoved Rev direkt gegenan. Ungemütlich! Aber dann konnten wir endlich die Segel hochziehen, und es ging weiter in südöstliche Richtung durch den Storstrøm unter der Storstrømsbrücke und der Farøbrücke hindurch.

Storstrømbrücke voraus!
Storstrømbrücke voraus!

Zwischendurch schlug plötzlich unser Plotter Alarm und zeigte eine Fehlermeldung, die wir uns nicht recht erklären konnten – der Autopilot hatte angeblich das GPS-Signal unvorhergesehen verloren?! Einige Zeit später bekam Thue eine SMS von seinem Bruder Peter, der sich besorgt erkundigte, ob das Elbkind vielleicht untergegangen sei – er konnte uns über „Marine Traffic“ plötzlich nicht mehr orten. Nun wurde uns klar: unser AIS-Signal wurde wegen technischer Probleme offenbar nicht mehr gesendet. Merkwürdig…

Eine kleine Erläuterung für alle Landratten: Die Abkürzung AIS steht für „Automatic Identification System“, das aus einem Sender und einem Empfänger besteht. Alle 2 Minuten wird unsere Schiffsposition an andere AIS-Teilnehmer und internet-basierte AIS-Tracker übermittelt. Gleichzeitig bekommen wir auf unserem Plotter die Information, wo sich andere Schiffe befinden und in welcher Richtung sie mit welcher Geschwindigkeit unterwegs sind. Sobald Kollisionsgefahr besteht, ertönt ein Warnsignal. Eigentlich ja eine praktische Sache, wenn man nur nicht ständig unter Beobachtung einiger Familienmitglieder stehen würde. Immer diese Paparazzi! 😜

Thue - immer im Einsatz!
Thue – immer im Einsatz!

Dann hatten wir den Grønsund erreicht, und an der Steuerbordseite tauchte Stubbekøbing auf. Gottseidank blieb uns dieser Hafen diesmal erspart, wir haben ihn nämlich nicht gerade in bester Erinnerung. Vor zwei Jahren mussten wir im Industriehafen ungemütlich im Päckchen liegen, weil die Marina wegen Baggerarbeiten gerade gesperrt war. Und ansonsten herrscht hier ziemlich „tote Hose“, der beliebteste und lebendigste Ort – vor allen Dingen für die Einheimischen, die hier das eine oder andere Bierchen zischen – ist der Hafenkiosk. In einem kleinen Restaurant in der Fußgängerzone von Stubbekøbing haben wir damals das schlechteste, fettigste und unappetitlichste Essen bekommen, das man sich denken kann. Auf meinen Salat musste ich Ewigkeiten warten und bekam schließlich Eisbergsalat mit Fertigdressing. Außerdem wurden wir irgendwie den Eindruck nicht los, dass hier eine „One-Man-Show“ lief: Koch und Kellner waren ein und dieselbe Person! So erklärten sich auch die langen Wartezeiten. Nie wieder.

Ein Fischerboot, von hungrigen Möwen umkreist…

In südöstliche Richtung segelten wir weiter durch Hestehoved Dyb. Um eine große Untiefe zu vermeiden, muss man hier einen Umweg von einigen Meilen in Kauf nehmen.

Vorsicht ist geboten bei der Anfahrt nach Klintholm - überall stehen Pfähle für Stellnetze!
Vorsicht ist geboten bei der Anfahrt nach Klintholm – überall stehen Pfähle für Stellnetze!

Nach 8 Stunden hatten wir endlich Klintholm erreicht und machten längsseits neben einem Charterschiff mit einer Männercrew aus Bregenz fest. Kaum Anlegewind und ein netter Typ auf dem Steg, der unsere Leinen annahm, machten unseren Anleger leicht. Geschafft! Nach diesem langen Segeltag freuten wir uns auf den Abend an Land.

Klintholm's Marina
Klintholm’s Marina im Sonnenschein

Als wir zur Ruhe gekommen waren, gestand Thue plötzlich: „Irgendwie tut mein rechtes Knie ganz schön weh..!“ Gemeinsam versuchten wir herauszufinden, was passiert sein könnte. Hatte er sich beim Setzen der Segel irgendwo gestoßen oder sich das Knie verdreht, und das im Eifer des Gefechts gar nicht gemerkt? Wir werden es wohl nicht mehr herausfinden. Traurige Tatsache war jedenfalls, dass mein armer Skipper plötzlich kaum noch kriechen konnte. Mit Mühe und Not schaffte er es, neben mir her zu einer Pizzeria in Hafennähe zu humpeln.

Unser Ziel für's Abendessen. Entertainment ist garantiert!
Unser Ziel für’s Abendessen. Entertainment ist garantiert..!

Hier gab’s lecker Pizza und ein Tuborg Classic. Leider hatten wir kaum Gelegenheit, einem Pseudo-Italiener mittleren Alters, der mit blassem Teint und dunkel gefärbten Haaren an der Hammondorgel Evergreens zum Besten gab, Gehör zu schenken, denn mein Mann war fix und fertig! Zurück an Bord fiel er sofort in die Koje und schlief wie ein Stein.

Als wir am nächsten Morgen sein dick geschwollenes Knie beguckten, wurde uns schnell klar, dass wir in der nächsten Zeit wohl mit einigen Einschränkungen in Sachen Mobilität leben müssen. Wir waren uns einig, dass sich auf jeden Fall ein Arzt in Kopenhagen das Knie ansehen sollte, wenn Schmerzen und Schwellung innerhalb der nächsten Tage nicht deutlich abklingen. Bis dahin wurde Thue von „Dr. Marzipan“ (also Anne-Catrine) telefonisch beraten: viel Ruhe, möglichst nicht belasten und gelegentlich mit einer Dose Carlsberg kühlen, das hilft bestimmt! 😉

Und weil er auf den Rat seiner Ärztin hört, lebt Thue von jetzt an nach der Devise „bleib sitzen, lass flitzen!“. Wer bei unserer 2-Mann-Crew dann flitzen muss, ist uns allen wohl schnell klar. Na ja, was soll’s. Vor zwei Jahren, als ich nach meinem Segelunfall in Skanør nicht laufen konnte, war ich diejenige, für die Thue flitzen musste. Im Leben gleicht sich eben irgendwie alles aus…

Es ist wie verhext, aber unser Schiff scheint eine Vorliebe für „Gehbehinderte“ zu haben… Bitte drückt uns die Daumen, dass es dieses Mal nicht so schlimm wird…

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